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„Runen – Das Futhark als Sinngedicht“

Die Runen erzählen einen alten, universalen Menschheitsmythos, den Mythos vom ewigen Werden und Vergehen in der Natur. Im ältesten bekannten Futhark (Runenalphabet) steht dabei jede Rune an ihrer Position für einen bestimmten Abschnitt dieses naturreligiösen Wissens – wie Strophen in einem Sinngedicht. Runen sind vielfach betrachtet und gedeutet worden: spirituell, sprachwissenschaftlich, historisch, mythologisch, ideologisch,… Welche Sichtweise bringt nun die „Wahrheit“ ans Licht? Und warum konnte der Code hinter der Zusammenstellung der Zeichen im Futhark bisher nicht erkannt werden? Jede der genannten Herangehensweisen zeigt nur einen Ausschnitt des großen Gesamtbildes und kann daher nur einen Teil des überlieferten Wissens erkennen und deuten. Es ist hilfreicher, Wissenschaft, Mythologie und Spiritualität miteinander zu kombinieren, um möglichst viele Steine des Runen-Mosaiks in die Hand zu bekommen und größere Zusammenhänge zwischen ihnen erkennen zu können.

Es ist bekannt, dass es eine äußere Dreiteilung der 24 Runen in sogenannte „Aette“ (je 8 Runen) gibt, wobei jedes von ihnen einer (vor-) germanischen Gottheit gewidmet ist. Schon lange wurde jedoch von wissenschaftlicher Seite eine versteckte, interne Zweiteilung vermutet, der man bislang allerdings noch nicht auf die Spur kam. Diese möchte ich hier nun vorstellen. Ich führe einmal in einer Übersicht die ersten 12 Runen an, wie ich sie sprachlich erschlossen habe, und stelle an nur 3 Stellen die abweichenden üblichen wissenschaftlichen bzw. überlieferten Deutungen gegenüber. Schon bei dieser (äußerst verknappten) Darstellung wird schnell klar, dass es nur an wenigen Stellen kleiner Verschiebungen bedarf, um folgendes Gesamtbild zu erhalten: 

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Wir erkennen auf diese Weise schnell, dass es sich bei den ersten 12 Runen um den Jahreskreis mit seinen Monaten bzw. naturreligiösen Festen handelt. Dies unterstreichen auch die Symbole, wenn wir sie genauer betrachten. Nehmen wir z.B. Kenaz und Jera mit den Nummern 6 und 12. Nicht nur ihre Zahlensymbolik offenbart, dass es sich um den 6. Und 12. Monat, also um den Juni (Feuer – Sommersonnenwende) und den Dezember (Jahr/Vollendung) handelt. Besehen wir uns die Zeichen, erkennen wir sofort, dass Jera zweimal Kenaz abbildet, also zweimal 6 Monate, bloß spiegelverkehrt – etwa wie zunehmender und abnehmender Mond, nur auf die Sonne bezogen und passend zu den Energien der Halbjahre.

Machen wir uns bewusst, dass Runen genau wie alle anderen alten sakralen Zeichen als Metaphern aufzufassen sind. Wenn wir etwa „Haglaz“ an 9. Stelle vor uns haben, dürfen wir nicht bei der einfachen Übersetzung mit „Hagel“ stehen bleiben. Wir müssen die Doppelnatur des Hagels im September mitbetrachten. Einerseits beendet er die Sommerhitze und erfrischt, andererseits kann er die Ernte zerstören. Er bringt damit gleichermaßen Leben wie Tod. Hagal entspricht damit genau der ebenfalls zwiegesichtigen Göttin Hel. Er leitet also folgerichtig das ihr gewidmete Aett ein, in welchem es zunächst steil bergab geht, 4 „Runenstrophen“ lang, bis zur „Vollendung“, bevor die alles verschlingende Göttin als Wiedergebärerin in Erscheinung tritt, ebenfalls 4 „Runenstrophen“ lang. Wir kennen dieses Prinzip aus dem Märchen der Frau Holle (Hel), die die toten Mädchen in ihr Reich aufnimmt, an symbolträchtigen Orten der Verführung (Äpfel) und Schwangerschaft (Brot-Laibe-Leiber) vorbei leitet. Nach einiger Zeit des „Winters“ führt sie sie ihrer Wiedergeburt durch „ein großes Tor“ zu und überschüttet sie je nach Karma mit Gold oder Pech, „das ein Lebtag haften bleibt“. Auch Hel zeigt also wie der sprachverwandte Hagel ihre Doppelnatur als Totengöttin bzw. als HELferin für die Wiedergeburt. Beides entspricht einander.

Wie kommt man auf eine solche Interpretation? Ich habe mir die Namen der Runen näher betrachtet, die so zwar erst seit dem Mittelalter nachgewiesen sind, deren Stammsilben jedoch wesentlich älter sind und dementsprechend viel ältere Informationen durch die Zeiten aufbewahrt haben. „Hagal“ bedeutet also einerseits „Hagel“ und andererseits sehr viel mehr als das. Eben wie jede gute Metapher in einem Gedicht. Diese zusätzlichen Informationen, die die Wörter mit sich tragen, sind hoch interessant und vielschichtig. Sie heißen „Konnotationen“ (Mitnotiertes) und betreffen Emotionales, Wertungen und Energetisches. Man muss also über die Ratio hinausgehen, wenn man spirituelle Sprache erschließen will.

Ein weiteres Beispiel: Thurisaz. Bekannt ist, dass der Name mit „Riese“ übersetzt wird und dass mythologische Runenfreunde sofort den Bogen zu Thor schlagen. Betrachten wir die Stammsilben „Thur“ und „Thor“ einmal näher. Augenscheinlich sind sie verwandt. Sie kommen in vielen alten Kulturen vor und bedeuten überregional etwas wie „STier“. Also auch dieses deutsche Wort sowie unser „Tier“ gehören in diese Kette, die sich aus ein- und derselben Ursilbe ergibt. Was haben Thor und Thurisaz mit einem Stier zu tun? Geht es bei Thor nicht um Gewitter und sein Markenzeichen, den Hammer? Hier nun ist es von Vorteil, einen Blick in die vorgermanische Mythologie zu werfen. Seit der Jungsteinzeit wird der Stier als Befruchter der Mutter-Göttin verehrt, wie unzählige Bildnisse und Skulpturen aus dieser Zeit veranschaulichen. Bekannt ist in diesem Zusammenhang der „Mino-TAURus“ (Mann-Stier), dessen Kult später nicht mehr verstanden und einer angeblich perversen Königin angehängt wurde. Mutter Natur muss also vom großen starken Stier befruchtet werden, um Früchte hervorbringen zu können. Im Frühling werden entsprechende Fruchtbarkeitsfeste gefeiert, bei den Runen im Jahreskreis mit Thurisaz im dritten Monat, also im März. (Os- TER- n) Bestandteil dieser Kulte war die Opferung des „Stieres“, also des Befruchters von Mutter Natur. Diese Opfer waren sowohl Stier- als auch Menschenopfer. Nach vollzogenem Fruchtbarkeitsritual wurde der Stier-Darsteller kultisch tatsächlich oft getötet und im Glauben der Menschen damit „vergöttlicht“. Nach seinem Tod sollte er „von oben“ das Land befruchten, also Regen bringen. Daher wurde auch der Donner mit dem Brüllen eines riesigen Stieres assoziiert. Besieht man sich die Rune und hat diesen mythologischen Hintergrund, weiß man, „wo der Hammer hängt“. Es geht um männliche Sexualenergie. All das steckt also in Thur und Thor und Stier, auch wenn das den meisten Menschen nicht mehr bewusst ist; es schwingt dennoch unbewusst mit. Götter haben keine belanglosen Namen, sie bedeuten immer etwas.

Wenn man diese vorgermanischen Mythen kennt, ist es nicht mehr schwer, die Logik hinter der Zuordnung der Runennamen zu den Stationen im Futhark zu erkennen. Nun hat nicht jeder diesen religionsgeschichtlichen oder sprachlichen Hintergrund. Ich habe daher ein Buch geschrieben, in dem ich die Runennamen einmal genauer unter die Lupe nehme und die Zusammenstellung der Runen im Futhark als genialem sakralen Gebilde leicht verständlich begründe. Dieses Buch heißt: Runen – Das Futhark als Sinngedicht: Welches Geheimnis das Runenalphabet birgt (Angewandte Paläolinguistik). Es ist gerade bei BoD erschienen. Wunderschöne Naturfotos eines Fotografen veranschaulichen das Gesagte. Wir sprachen bislang über die ersten 12 Runen. Der Jahreskreis ist vollendet. Was folgt, ist kein neues Jahr, sondern der Lebenskreis eines Menschen. Auch in diesem Lebenskreis hat wieder jede Rune ihren Platz. Es beginnt mit der Geburt und endet mit der Wiederauferstehung/ Wiedergeburt. An der Schnittstelle zwischen diesen beiden Kreisen steht nicht zufällig Eiwaz, die heilige Eibe. Dieser Baum verbindet die göttliche Welt mit der Menschenwelt, hier also den Jahreskreis mit dem Lebenskreis. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, weder, um wessen Lebenskreis es gehen könnte, noch weitere sprachliche Betrachtungen, die z.T. ein interessantes neues Bild von den Runen zeichnen. Ein bisschen spannend soll es schließlich bleiben.

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Wer die Ausführungen aufmerksam verfolgt hat, stellt einige wenige Abweichungen zu bisherigen Runendeutungen fest. Meist sind es nur kleine Bedeutungsverschiebungen. Es gibt also wenig Dissens und viel Konsens, aber der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Die beiden Kreise (Jahreskreis und Lebenskreis) bilden liegend eine Acht, also eine Unendlichkeitsschleife. Nach dem Tod geht der Mensch in die Natur über – und der Zyklus beginnt von vorn. Dass bei der sprachgeschichtlichen Betrachtung der Runennamen ein in sich stimmiges, naturreligiöses Gesamtgebilde sichtbar wird, kann kein Zufall sein. Wenn Runen also mehr bedeuten als durch die Betrachtung der einzelnen Zeichen bislang bekannt und vermutet, wenn sie wie Strophen eines Gedichts zusammenwirken und alte, vorgermanische Glaubensvorstellungen zum Inhalt haben – wer erschuf dann die Runen? Wer stellte sie im Futhark so planvoll zusammen, dass sie in 24 Zeichen das heilige Wissen unserer Vorfahren kompakt durch die Zeiten trugen?

Dass einzelne Runen bereits in wesentlich älteren Schriften wie dem Kretischen Alphabet A, der Donau-Schrift (um 6000 v.u.Z.) oder auf Megalith I der Bosnischen Pyramiden (mind. 6000 v.u.Z.) vorkommen, zeigt einen komplexeren Entstehungsprozess des Runenalphabets als bislang angenommen. Einige Zeichen scheinen mit den Wanderbewegungen der Völker nach Mittel- und Nordeuropa gelangt zu sein, andere scheinen von dort zu stammen. Die im Kulturaustausch vorgenommene Zusammenstellung der heiligen Symbole muss also überregional anerkanntes sakrales Wissen darstellen. Der Praxistest bestätigt: Legt man die hier vorgestellte Gesamtbedeutung des Runenfutharks zugrunde, können sehr alte Inschriften gedeutet werden, deren Gehalt bislang noch rätselhaft war. So wird aus den Inschriften auf Megalith I im Labyrinth der Bosnischen Pyramiden ersichtlich, dass es sich um einen alten Fruchtbarkeitskult handelt. Für den Fall kruder Irrungen oder eines Fakes wäre die so einfach mögliche Sinngebung jedenfalls ein bisschen viel Zufall. Aber auch germanische Inschriften, beispielsweise auf Urnen oder Gräbern, über die noch viel gerätselt wird, könnten so neu betrachtet und entschlüsselt werden.

Mal angenommen, an meinen Herleitungen wäre etwas dran – sind dann die bekannten Runendeutungen mit dem Auerochsen, dem Elch, dem Pferd und dem Besitz falsch? Natürlich nicht. Sie stammen nur aus einer anderen Zeit und zeigen nicht den Ursprung des Runenwissens. Gesellschaftliche Verhältnisse ändern sich – und mit ihnen die religiösen Vorstellungen. Was einstmals „das Heim, AUS dem wir kommen und zu dem wir zurückkehren“ war, also Mutter Natur, wird in patriarchalischer Denke zum „Heim- also Besitz, also Erbe“, wie wir am Beispiel der Rune „Othala“ sehen können.

Die Runen rufen uns auf, altes Wissen hervorzuholen und neu zu betrachten. Sie legen uns nahe, die Kreisläufe der Natur und der Menschen als ineinander verwoben zu begreifen, das Verhältnis der Geschlechter neu zu hinterfragen und aus den Antworten entsprechende Konsequenzen zu ziehen. Hören wir unseren Ahnen zu und lassen wir uns von ihnen bereichern.

Gastbeitrag von: Anke Hasper-Westphal

Die Autorin studierte Germanistik, Musik sowie einige soziale Fächer und promovierte zu einem Gender-Thema. Als Systemische Therapeutin legt sie ihren Fokus vor allem auf Strukturen, die sich aus einzelnen Elementen ergeben, denn das Ganze ist bekanntlich mehr als die Summe seiner Teile. Diese Form der Betrachtung diente auch als Grundlage für ihre Arbeit mit dem Runenfuthark.

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