Aktuelle Beiträge

Loki, der “unmännliche” Mann und die Frauen

Loki

Wer Loki verehrt — und vor Allem, wer dabei auch noch weiblich ist — wird schnell in die Klischee-Ecke der unreifen hormongesteuerten Teenager, oder wahlweise der sexbesessenen, aber dabei sexuell frustrierten alternden Singlefrauen gestellt. Man habe es, so weiter in der Klischee-Ecke nachzulesen, doch in Wahrheit nur auf ein ganz bestimmtes Körperteil Lokis abgesehen, welches sich typischer Weise bei Männern etwa in der Körpermitte findet. Doch dabei ist Loki und Seine Sexualität in der Überlieferung keineswegs so klar, dass Er sich für diese Rolle ohne Einschränkungen anböte.

In einer Zeit und Kultur, in der ergi — der Vorwurf von Unmännlichkeit, Feigheit, in dem stets auch der Vorwurf passiver Homosexualität mitschwingt — eines der schlimmsten Schimpfworte, und derart ehrenrührig ist, dass es bisweilen sogar unter Strafe verboten war, jemanden als argr zu bezeichnen [1, 2], da stolziert Loki geradezu provokativ in Rosa durch Seine Mythen. In der heutigen Zeit, in der es ja durchaus auch unklassische Männerideale gibt, und in der Metrosexualität und zumindest die Fantasie von männlicher Homosexualität im Mainstream längst für Frauen attraktiv ist, mag Lokis nonchalanter Umgang mit Seiner eigenen Männlichkeit eine große Anziehungskraft haben. Jedoch sollte man nicht vergessen, dass dies eine rein moderne Auslegung der Mythen ist. Daran ist zunächst einmal überhaupt nichts auszusetzen — zum Glück (muss man in diesem Fall sagen) ändern sich die Zeiten und damit auch die Vorstellungen von Moral und Sexualität. Aber dennoch: um die erste Jahrtausendwende herum, als das Gros der heute erhaltenen Überlieferungen entstand, war Lokis ergi bestimmt alles andere als attraktiv.

So kann man mit einigem Fug und Recht Loki als unmännlichen, ja sogar als entmannten Mann bezeichnen: ganz selbstverständlich und ohne jeglichen Protest wirft Er sich in Frauenkleider, als es darum geht, Thors gestohlenen Hammer wiederzubeschaffen (Thrymskviða). Als es darum geht, den Bau einer Mauer aufzuhalten, verwandelt sich Loki in eine rossige Stute, wird von Svaðilfari bestiegen und gebiert Sleipnir, Odins achtbeiniges Pferd (Gylfaginning 42). Und das ist nicht Lokis einzige Schwangerschaft: ein anderes Mal isst Er das Herz einer Frau, das Er halb-gar in einem Feuer findet, und wird daraufhin, und diesmal wohl in männlicher Gestalt, obwohl sich die Mythe darüber in der Tat ausschweigt, wieder schwanger (Hyndluljóð 41). Mehrmals nimmt Loki die Gestalt von Frauen an — sei es um unter der Erde Kühe zu melken oder selbst Milch zu geben (eine Episode, die wohl als Anspielung auf eine weitere Schwangerschaft gelesen werden kann) (Lokasenna 23), um Frigga nach dem Geheimnis der Mistel auszuhorchen (Gylfaginning 49), oder, berühmt-berüchtigter Weise, um Baldur Seine Tränen zu verweigern und Ihn zum Bleiben in Helheim zu zwingen (Gylfaginning 49).

Lokis laisser-faire im Umgang mit Seiner eigenen Männlichkeit (und der Würde darin) findet wohl seinen mythischen Höhepunkt, als Er sich auf eine Runde Tauziehen mit einer bärtigen Ziege einlässt; der Strick ist dabei am einen Ende am Bart der Ziege, und am anderen Ende an Lokis Hoden befestigt… und all das, um der Riesentochter Skaði ein Lachen zu entlocken (Skaldskaparmál). Ob man dahinter gleich eine tatsächliche Kastration vermuten muss, sei dahingestellt: Sicher ist, dass es sich um Lokis rituelle Entmännlichung, und damit Entmachtung, handelt. Er wird hier buchstäblich vorgeführt, und wenn man die Mythe liest, dann wird auch deutlich, dass Ihm das unangenehm ist — eine heute übliche Lesart als reiner Slapstick ist unangebracht. Auch wird auf Skaði speziell im Zusammenhang mit Lokis Entmachtung noch zurückzukommen sein.

Subtiler, aber nicht weniger effektiv geht es an anderer Stelle in der Überlieferung zu: Loki wird wieder und wieder als schwach und feige dargestellt — mehrfach wird Er in Seiner Geschichte sowohl von Riesen als auch Asen gefoltert und misshandelt (Gylfaginning 50, Skaldskaparmál 18, 35, Haustlöng, Lokasenna [im Prosarahmen], u.A.); im Unterschied zu “männlichen” Göttern aber erträgt Er es nicht und schweigt bzw. erstarkt zu einer Übermacht, die es Ihm erlauben würde, Seine Peiniger zu töten oder zu besiegen — das ist eher Thors Stil — sondern Loki bricht darunter. Und mit dieser Schwäche allein ist es nicht genug: Loki lässt sich so in die Enge getrieben immer wieder auf Handel ein, die Ihn selbst zwar retten, aber dafür andere Götter und Göttinnen in Gefahr bringen (z.B. Iðunn in Haustlöng).

Loki ist mit Sicherheit lustvoll und sinnlich — aber Er beherrscht seine Lust und Sinnlichkeit nicht, sondern wird immer wieder davon beherrscht. Er verliert darunter körperliche als auch moralische Integrität. Und all das macht Ihn im Sinne des Versuchs einer historisch informierten Deutung nicht eben zum Begehrenswertesten der Götter.

Loki und die Göttinnen

Trotz dieser eindeutigen Demonstrationen von Unmännlichkeit ist Loki aber bei den mythischen Frauen durchaus beliebt. Loki hat etliche Liaisons mit Göttinnen, darunter auch Sif, Freyja, Tyrs Frau, Skaði…(Lokasenna, Harbarðsljóð) wobei dem aber weder Er noch die Göttinnen viel Bedeutung beizumessen scheinen. Worin Lokis Attraktivität für die Göttinnen besteht, darüber lässt sich trefflich spekulieren.
Sif by SceithAilm on DeviantArt

Interessanter wird es, wenn man die Beziehungen Lokis zu Göttinnen betrachtet, die weit mehr als Affären sind. Mit der Riesin Angrboða zeugt Loki — mehr oder minder belegt — den Fenriswolf, die Midgardschlange, und Hel (Gylfaginning, Þórsdrápa, Skaldskaparmál, Hyndluljóð). Um ehrlich zu sein, möchte ich mich zu Angrboða und der Bedeutung, die Ihr zukommen muss bzw. darf, nicht zu sehr auslassen; dafür bin ich vermutlich nicht die richtige Person. In jedem Fall muss aber festgehalten werden, dass Lokis Kinder mit Angrboða durchaus mächtig und wichtig sind.

Am allerwichtigsten ist jedoch Lokis Frau Sigyn. Sie ist in der Überlieferung die einzige, die tatsächlich Seine Frau im Sinne einer Ehe ist. In manchen Kreisen wird heutzutage zwar Angrboða gern als Lokis (erste) Frau gesehen, aber dies ist unzutreffend. Sigyn ist Lokis einzige mythische Ehefrau und für Ihn von unschätzbarer Bedeutung. Über Sigyn selbst ist in der Überlieferung kaum etwas bekannt — unsere Kenntnis von Ihr geht über die Tatsache, dass Sie Lokis Frau ist, Ihre Rolle während Seiner Gefangenschaft, und eine etwas obskure Kenning (Þórsdrápa), die Ihr aber nicht einmal zweifelsfrei zuordenbar ist, nicht hinaus. Sigyn gebiert Loki zwei Söhne, Váli und Narfi (wobei bei einem der beiden — Váli — aber nicht ganz klar ist, ob es sich möglicherweise um eine Verwechslung der Edda-Autoren handelt [3]). Lokis Söhnen mit Sigyn wohnt eine ganz eigene Tragik inne: Obwohl an ihnen nichts Falsches oder Gefährliches ist, werden sie (beide!) von den anderen Göttern auf grausame Weise vernichtet.


Buch der MenschlichkeitCodex Humanus - Das Buch der Menschlichkeit

Ein absolutes Muss für jeden gesundheitsbewussten Haushalt!

* Alle wichtigen Naturheilmittel aus allen Kontinenten, Kulturkreisen und Epochen dieser Welt auf knapp 2000 Seiten in der neu erschienen 2. Auflage!
* Von A wie Allergien, Alzheimer, Alterung, Arthritis, Arthrose, über B wie Bluthochdruck, D wie Diabetes, Demenz, Depressionen, H wie Herzkreislauferkrankungen, K wie Krebs, M wie Migräne, Ü wie Übergewicht (Adipositas) bis hin zu Z wie Zirrhose finden darin alle Gebrechen und Krankheiten ihren potenten Wirkstoff – ganz nebenwirkungsfrei!
* Ein brisantes, einzigartiges Kompendium und Nachschlagewerk zu wichtigsten Heilsubstanzen und brisanten Studienergebnissen der alternativen Medizin!

MEHR INFORMATIONEN -->

Interessant ist auf jeden Fall auch die Frau, deren Herz Loki im Feuer findet und isst, und daraufhin von ihr schwanger wird. Eine verbreitete spekulative Lesart ist, dass es sich bei dem Herz um das Herz der dreimal verbrannten, aber dennoch weiterlebenden Gullveig handle. Diese Lesart ist spekulativ insofern, als dass die entsprechende Stelle im Hyndluljóð den Namen der Frau nicht hergibt. Allerdings ergibt sie in mehrererlei Hinsicht Sinn: zum Einen, da das Herz im Feuer sehr wohl eine Anspielung auf die Verbrennung von Gullveig sein kann. Zum Anderen, da aus Lokis Einverleibung die Linie der Troll-Frauen hervorgeht — das in der Überlieferung verwendete Wort ist zwar flagð, wird aber i.A. mit Troll-Frauen übersetzt, was wiederum direkt im Zusammenhang mit Trolldomr, also einer magischen Praxis steht: hier erschließt sich die Verbindung zu Gullveig über Heiðr, die gängig als eine andere Inkarnation von Gullveig gedeutet wird, und die ebenfalls magisch praktiziert und lehrt.

Es sind bei dieser Betrachtung zwei Beobachtungen explizit zu machen: zum Einen ist Lokis Sexualität, sofern sie nicht der reinen Lustbefriedigung dient, durchaus und offensichtlich fruchtbar. Darin (unter Anderem) unterscheidet sich Loki von Trickster-Gottheiten, deren Sexualität i.A. ausschließlich mit Appetitbefriedigung zu tun hat und keine Früchte hervorbringt.

Zum Anderen, und deutlich interessanter ist festzustellen, dass Lokis Nachwuchs in allen eindeutig identifizierten Fällen nach der Mutter kommen. Die Charakteristiken von Lokis Kindern richten sich nach der Mutter: Angrboða gebiert Ihm starke, aber gefährliche Kinder. Sigyns Kinder sind hingegen vollständig “akzeptabel” und in der Asengesellschaft sozialisiert. Gullveigs Kinder sind, wie auch sie selbst, weiblich, magisch, und unabhängig. Diese Beobachtungen lassen darauf schließen, dass Lokis Frauen eine gewisse Dominanz innewohnt, die wiederum im Einklang mit der Erörterung von Loki als “unmännlichem” Mann stehen. Loki wird durch Seine Frauen zwar nicht beherrscht, aber sie treten Ihm gegenüber dominant in Erscheinung und haben großen Einfluss auf Sein Wirken als Mann.

So ist es letztlich nicht verwunderlich, dass Skaði bei Lokis endgültiger Entmachtung eine entscheidende Rolle zukommt: Sie ist diejenige, die die Gift tropfende Schlange über Lokis Kopf befestigt, als Er gefangen genommen und gefesselt wird. Das verwendete Wort für Gift, eitr, wiederum steht direkt im Zusammenhang mit nið — Rufmord (Völuspá 56) — was seinerseits historisch eng mit dem bereits erwähnten ergi assoziiert ist [1].

Loki und menschliche Frauen

Hier wird es zugleich einfach und extrem kompliziert. Die Einfachheit ergibt sich dadurch, dass in der Überlieferung keinerlei Hinweis auf eine Verbindung Lokis mit menschlichen Frauen (oder Männern) gibt. Bei anderen Göttern, beispielsweise Freyr und Ríg (Heimdallr) sind Verbindungen mit menschlichen Frauen eher thematisierbar. Weiterhin ist es auch insofern einfach, als dass Loki historisch keinen Kult hatte — die Frage nach Gemahlinnen-Priesterinnen stellt sich also von vorn herein nicht.

Dennoch übt Loki auch auf menschliche Frauen eine starke Anziehungskraft aus, die sich nicht zuletzt auch auf Seine spezielle performative Männlichkeit richtet. Loki mag in der Vergangenheit keinen Kult gehabt haben, aber heute ist dem mitnichten mehr so.

Wer sich in den Diskurs um Sexualität mit Loki begibt, dem begegnet Er in sexueller Hinsicht sehr selbstsicher, (auf)fordernd, experimentierfreudig. Man kann sich Seiner Sexualität kaum entziehen. Loki ist als Mann unglaublich präsent, selbstbewusst, zeigefreudig (!), ohne sich selbst und Seine Männlichkeit dabei aber jemals 100% ernst zu nehmen. Vielleicht ist es gerade dieser spielerische Umgang mit Männlichkeit, der Loki für Menschenfrauen so attraktiv macht — eine Attraktion, die sich natürlich auch erst im heutigen Zeitalter entfaltet. Zunehmend wird der “Graubereich” zwischen den Geschlechteridentifikationen wiederentdeckt; das Phänomen Slash-Fanfiction — also männlicher Homoerotika zwischen üblicherweise als heterosexuell verorteten Charakteren von und für weibliches Publikum — ist länst im Mainstream angekommen und zeugt von einer in die Gleichheit, und damit Gleichberechtigung projizierten Auseinandersetzung mit typisch männlichen und weiblichen Rollen.

Loki als der Gott der Slash-Fanfiction? Warum eigentlich nicht. Keiner im nordischen Götterhimmel verkörpert fluide Sexualität, und wie oben ausgeführt, die Beziehung zu eigenständigen, bisweilen dominanten Frauenfiguren, wie der Matronym-führende Loki es tut.

Loki und ich

Dass Loki bei Seinen Verehrern sexuell in Erscheinung tritt, ist eher die Norm als die Ausnahme. Lokis Energie ist ansteckend und katalytisch, und nicht selten bedient Er sich auch Seiner Sexualität und der Seiner Verehrer für Seine Zwecke. Als ich Loki kennenlernte, bekam ich auch gleich eine ausführliche Kostprobe Seiner sinnlichen, lustvollen, hedonistischen Seite präsentiert. (Natürlich hab ich auch gleich mal genascht… ahem!)

Obwohl Sexualität in meiner Beziehung zu Loki auch weiterhin eine wichtige Rolle spielt, habe ich sehr schnell gemerkt, dass sie keine primäre Bedeutungsträgerin ist. Loki ist verschwenderisch damit, aber daraus auf eine besondere Beziehungstiefe zu schließen, ist ein Fehler.

Als Frau eine bedeutsame Nähe zu Loki zu finden, kann sich niemals allein auf Sexualität stützen. Er ist anspruchsvoll und erzieht einen kompromisslos zu Eigenständigkeit — in allen Lebensbereichen. Er zwingt mich, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn es weh tut; Er lässt es nicht zu, dass ich mich in soziale Abhängigkeiten begebe, auch wenn das bedeutet, dass ich oft allein bin.

Die besondere Kunst besteht darin, gerade in der Eigenständigkeit Wege zur Hingabe zu finden. Hingabe aus Abhängigkeit ist von geringem Wert für Ihn — Er fordert sie von mir, aber sie muss stets aus einer Position der Stärke geschehen, dabei aber nicht weniger als absolut sein.

Literaturhinweise und weiterführende Links

[1] Folke Ström: Nið, ergi, and Old Norse moral attitudes. London, Viking Society 1974
[2] Freyia Völundarhúsins: A Womb by Magic — Transcending Gender, Transcending Realities
[3] Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. Stuttgart, Kröner 2006

Gastautorin: © Myriad

Quelle/Homepage: oneofamyriadfaces.wordpress

Beitragsbild: Fotolia.com #50791733 © Erica Guilane-Nachez, Bild „Blitze“: Fotolia.com


Buch der MenschlichkeitCodex Humanus - Das Buch der Menschlichkeit

Ein absolutes Muss für jeden gesundheitsbewussten Haushalt!

* Alle wichtigen Naturheilmittel aus allen Kontinenten, Kulturkreisen und Epochen dieser Welt auf knapp 2000 Seiten in der neu erschienen 2. Auflage!
* Sabotierte und verheimlichte Studien zu sensationellen Erfolgen in der Prävention und Therapie aller erdenklichen Erkrankungen!
* Von A wie Allergien, Alzheimer, Alterung, Arthritis, Arthrose, über B wie Bluthochdruck, D wie Diabetes, Demenz, Depressionen, H wie Herzkreislauferkrankungen, K wie Krebs, M wie Migräne, Ü wie Übergewicht (Adipositas) bis hin zu Z wie Zirrhose finden darin alle Gebrechen und Krankheiten ihren potenten Wirkstoff – ganz nebenwirkungsfrei!
* Übersichtliche Wirkstoff-, Wirkungstabellen ermöglichen schnellste Orientierung!
* Ein brisantes, einzigartiges Kompendium und Nachschlagewerk zu wichtigsten Heilsubstanzen und brisanten Studienergebnissen der alternativen Medizin!

MEHR INFORMATIONEN -->

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*