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Mit den germanischen Göttern zu Selbsterkenntnis

Während in südlichen Kulturen hauptsächlich Planeten und Sterne gottähnlich verehrt wurden, waren bei den Germanen im oftmals nebligen und regnerischen Bereich nördlich der Alpen die verschiedenartigen Götter immens wichtig für die Identifikation der Menschen. Ist es in unserer Welt heutzutage weitestgehend normal, mittels dogmatischer Religionen nur einen einzigen Gott zu verehren, war und ist das germanische „Heidentum“ eine polytheistische Religion,‭ ‬in deren Mittelpunkt die Verehrung persönlicher Götter und Göttinnen steht,‭ ‬die wir in der Natur und im Mythos erfahren dürfen. Wie bei allen indigenen Völker üblich, dürfen wir Menschen sie um Hilfe bitten und ihnen für ihre Gaben danken.‭ ‬Als verkörperte Wesenheiten verschiedenster Art sind sie weder austauschbar noch gleichzusetzen mit anderen.‭ Dafür ergeben sie als Ganzes eine allumfassende göttliche Einheit, welche die Erkenntnisse des Lebens in zahlreichen Metaphern spielerisch darzustellen vermag.

Auch die Götter haben Schwächen

Der Begriff Heidentum bedeutet übrigens nichts anderes als „nicht-christlich“, wenngleich er mit der Zeit durch die Christianisierung schleichend in ein im Mainstream düsteres Gewand schlüpfen sollte. In Zeiten der grenzenlosen Informationen, wie wir sie heute durch das Internet erleben dürfen, lässt sich jedoch so manche Unwahrheit über die germanische Götterwelt schnell entmystifizieren, und die so lange als offizielle Wahrheit deklarierte Moral eine meist gegenteilige Erkenntnis entfalten. Die Stärken der germanischen Götter in Menschengestalt, wie auch ihre Schwächen, laden die Menschen ein zu Inspirationen und zur Innenschau:

Odin oder auch Wodan/Wotan, der Allvater, opferte sich, um Weisheit zu erlangen, und bezahlte diese mit einem Auge. Neben seiner Frau Frigg unterhielt er auch Affären und gemeinsame Kinder mit anderen Göttinnen, beispielsweise mit Freya, der Wanengöttin der Fruchtbarkeit und der Liebe. Gerade den Göttinnen, also dem weiblichen Aspekt, kommt in der germanischen Götterwelt übrigens eine ganz besonders wichtige Bedeutung zu. Denn Göttinnen ermöglichen über ihre Liebesenergie, der stärksten Energieform im Universum, den direkten Weg zur Schöpfung. Aber auch die Göttinnen hatten neben ihren Ehemännern verschiedene Liebschaften mit anderen Göttern.

Loki, der mit Sicherheit missverstandenste Gott der Germanen, hatte in seinen meist abwertend beschriebenen Taten und Tricksereien nicht nur durchwegs negative Absichten. Loki zeigte sich als Freund und als Feind der Götter. Er half Donnergott Thor durch eine List bei der Wiederbeschaffung seines Hammers „Mjölnir“, der von den Riesen gestohlen wurde. Allerdings war er es auch, der Hödur dazu gebracht hatte unabsichtlich seinen Bruder Baldur, den sanftesten aller Götter, zu töten. Daraufhin verbannten ihn Odin und die übrigen Götter.

Bei all den „Missetaten“ der germanischen Göttinnen und Götter ist es verständlicherweise ein Leichtes mit dem moralischen Zeigefinger auf sie zu deuten und die offensichtlichen Schwächen und Fehler aufzuzeigen. Und mit monotheistischen Religionen auf den ersten Blick „fehlerfreie“ Alternativen anzubieten! Die Schöpfung muss einen Grund gehabt haben, dass wir Möglichkeiten bekommen, uns selbst zu erfahren, durch unser Licht als auch durch unseren Schatten. Dies machen uns die Mythen der germanischen Götter deutlich.

Zurück zum seelischen Ursprung

Jene „Missetaten“ der Götter werden in unseren Leben beispielsweise symbolisiert durch Neid, Missgunst oder Krankheit. Wir sind nicht gefeit vor Schicksalsschlägen, auch nicht vor manch vermeintlicher böser Absichten anderer. Aber wir können uns entscheiden, wie wir diese bewerten. Fühlen wir uns als Mobbingopfer oder betrachten wir uns als ein interagierendes Fragment jener Situationen, die uns Unbehagen verursachen? Nur so kommen wir in unsere wahre Schöpferkraft und legen das über Jahrhunderte konservierte Opferbewusstsein der Menschheit in uns ab. Nicht selten sind es auch festgefahren Glaubenssätze, die wir nicht imstande sind zu identifizieren. Erst eine Krankheit vermag uns vielleicht aufzuwecken, damit wir verstehen, dass uns alte Verhaltensweisen nicht mehr dienlich sind. Mit Bequemlichkeit und Routine hätten wir diese neue Erkenntnis niemals freiwillig bekommen. Und so wie Loki vermeintlich gegensätzliche Aspekte in sich vereint, die er auch exzessiv auslebt, so fordert er uns auch dazu auf, dass wir uns hinterfragen ob unser Verhalten mit unseren eigenen Überzeugungen übereinstimmt. Oder ob wir nur eine Maske aufgesetzt haben, um etwa anderen zu gefallen?

In der heutigen Zeit der medialen und politischen Täuschung stellt sich zudem die Frage, was wir aus den alten Mythen für uns persönlich mitnehmen? Vor allem auch in gesellschaftlicher Hinsicht in Zeiten des Wandels? So unterschiedlich die Götter, so unterschiedlich die Menschen. Wenn jeder seine Stärken in die Gesellschaft mit einbringt, unter Aktzeptanz und Heilung der Schwächen, kann die Welt in eine neue Zeit eintreten, in der der Mensch sich selbst frei entfalten kann und zurück zu seinem seelischen Ursprung findet. All die Künstlichkeit der heutigen Fassade kann dann der Natürlichkeit der indigenen Völker weichen, ohne dabei in technischer Hinsicht in die Steinzeit zurückzufallen.

© Alex Miller / germanen-magazin.de

Beitragsbild: „Odan heilt Balders Pferd“ Doepler, Emil. ca. 1905. Walhall, die Götterwelt der Germanen. Martin Oldenbourg, Berlin.
Bild „Frau“: Fotolia.com


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